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Verfasst am 03.12.2018 um 11:00 Uhr

Chancen des Klimawandels nutzen – Kleingärten nach vorne bringen

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2018, ein Jahr der Extreme – Dr. Fritz Reusswig vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zieht Bilanz

Interview mit dem Klimaexperten 

2018 startete der Landesverband seine Klimakampagne, medial begleitet durch die Klimaserie im „Gartenfreund“. Sie und Ihre Kollegen vom PIK waren maßgeblich daran beteiligt. Wie bewerten Sie diese Aktivitäten im Rückblick?

Dr. Fritz Reusswig: Sehr positiv! Ich hätte nicht gedacht, dass aus der Teilnahme am wissenschaftlichen Forum des Landesverbandes anlässlich der Grünen Woche 2018 eine so enge und erfolgreiche Zusammenarbeit werden würde. Was von unserer Seite im Rahmen des Berliner Klima-Anpassungskonzepts (AFOK, Red.) als kleiner Beitrag im „Gartenfreund“ gedacht war, hat sich schließlich zu einer veritablen Kampagne mit vielen Aktivitäten, auch über die Klimaserie hinaus, entwickelt. Das haben viele den Kleingärtnern nicht zugetraut.


Sie auch nicht?

Nein, ehrlich gesagt, ich auch nicht! Ich hatte vorher nichts mit dem Kleingartenwesen zu tun und kannte den Verband natürlich auch nicht wirklich. Aber das hat sich schnell geändert – ich habe eine Menge dazugelernt. 


Das Jahr 2018 war ein Jahr der Extreme – denken wir nur an den heißen und sehr trockenen Sommer. War das ein Vorgeschmack auf den Klimawandel?

Auf jeden Fall! Wir vom PIK haben im Rahmen des AFOK auch Klimaprojektionen für Berlin bis zum Jahr 2100 erstellt – auf der Basis verschiedener Klimamodelle. Dabei zeigt sich, dass der Klimawandel im Jahr 2100 zu Sommertemperaturen führt, die im Schnitt rund 4 °C wärmer sein werden als im Zeitraum 1961 bis 1990. Der Sommer 2018 war rund 3 °C wärmer und auch trockener. Er entspricht damit etwa einem Sommer, wie wir ihn etwa 2070 erwarten dürfen. 2100 wird der 2018er Sommer dann eher etwas kühler als „normal“ sein. Es war also eine kleine Zeitreise, was wir erlebt haben.


Dann kam die Klimaserie im „Gartenfreund“ also genau zum richtigen Zeitpunkt. Was sind für Sie die wichtigsten Botschaften? Woran möchten Sie am Ende das Jahres noch einmal erinnern?
Wir haben in den verschiedenen Beiträgen möglichst alle Facetten des Klimawandels und seiner Auswirkungen auf die Kleingärten beleuchtet. Neben der Botschaft, dass der Klimawandel schon begonnen hat, aber noch deutlich an Fahrt aufnehmen wird, ist mir besonders wichtig, dass Berlin vielfältig verwundbar dafür ist. Also erhebliche Risiken auf uns zukommen können, wenn wir uns nicht anpassen.

Ein Beispiel sind die Gesundheitsrisiken – ich erinnere an die 1400 zusätzlichen Hitzetoten, die wir jetzt schon jährlich zu verzeichnen haben. Dazu kommen Infektionskrankheiten, die durch eingewanderte Überträger wie neue Mückenarten verbreitet werden, Allergien durch längere Blühperioden oder Neophyten wie Ambrosia. Neben den „Hitzekomplex“ möchte ich auch den „Flutkomplex“ stellen, also die urbanen Überflutungen, die sich nach Starkregenereignissen einstellen, die es im Berliner Raum auch vermehrt geben wird.

Und was können die Kleingärten zur Klimawandel-Anpassung beitragen?

Sehr viel, vor allem, wenn man sie sozusagen klimatisch ertüchtigt! Wir haben in der Klima-Serie zunächst einmal die vielfältigen Ökosystemdienstleistungen der Berliner Kleingärten hervorgehoben, die weit über ihre klimatische Entlastungsfunktion hinausgehen.


Kleingärten zahlen ein in das Stadtkapital, in die grüne Infrastruktur Berlins, sie sind ein unverzichtbarer Faktor der städtischen Lebensqualität. Eva Foos von der Humboldt-Universität hat dafür in ihrem Beitrag viele praktische Hinweise gegeben und die Gartenfachberater des Verbandes und der Bezirksverbände sind hier die richtigen Ansprechpartner.


Neben dem Klimawandel stellt die innerstädtische Verdichtung, die in den letzten Jahrzehnten größtenteils zu Lasten von Kleingärten ging, auch heute eine extreme Bedrohung dar. So wurde 2018 beispielsweise der Vorschlag von Investorenseite geäußert, innerhalb des Berliner S-Bahnrings zu überbauen. Überlagert diese ganz aktuelle Gefahr nicht die Zukunftsgefahr Klimawandel?

Ganz im Gegenteil. Für mich hängt beides sehr eng zusammen. Ein immer dichter bebautes Berlin erhöht das Überflutungsrisiko und verstärkt den städtischen Hitzeinsel- Effekt – insbesondere dann, wenn neben dem Klimawandel auch noch der demographische Wandel in den Blick kommt, der uns eine deutliche Zunahme älterer und damit stärker verwundbarer Menschen bescheren wird.

Kleingärten als Teil der grünen Infrastruktur tragen zur Lebensqualität der wachsenden Stadt bei, vor allem im Klimawandel. Das wird bei der Diskussion um das Stadtwachstum leider oft vergessen. Auch das habe ich versucht, in meinem letzten Interview (BG 9/12 2018, Red.) deutlich zu machen.


Mit der Dezember-Ausgaben - endet die Klima-Serie im „Gartenfreund“. Wie geht es aus Ihrer Sicht jetzt weiter?

Klimaserie ist vorbei, die Klimakampagne des Landesverbandes hat aber erst angefangen. Deren Eröffnung im Estrel Hotel war aus meiner Sicht ein Erfolg. Ich glaube, wir haben auch die Politik ein wenig beeindruckt. Jetzt muss es weitergehen. Die Sensibilisierung und Aktivierung der Mitglieder ist der nächste Schritt, der auch schon begonnen wurde. Parallel dazu müssen wir die Öffentlichkeit auf die Bedeutung und die Aktivitäten der Berliner Kleingärtner aufmerksam machen und uns aktiv in den stadtpolitischen Diskurs einbringen. Da sehe ich letztlich den ganzen Sinn der Kampagne.

Wie kann das geschehen?

Wie in jedem Kleingarten gibt es auch hier ganz unterschiedliche „Baustellen“ mit verschiedenen Aufgaben. Eine aktive und konstruktive Mitarbeit am Berliner Kleingartenentwicklungsplan, der derzeit überarbeitet wird, halte ich für unverzichtbar. Der Dachverband muss sich hier nicht nur als kreative Lobbygruppe einbringen, sondern auch als Sachwalter von Lebensqualität und Gemeinwohl für unsere Stadt. Die guten Argumente, wie in der Klimaserie zusammengetragen, müssen in weitere Medien und auch in die Köpfe der Politiker auf Bezirks- und Senatsebene transportiert werden. Wir müssen im Abgeordnetenhaus darlegen, worum alle Kleingärten es geht – und dass Kleingärtner auch Wähler sind. Notfalls müssen die Berliner Kleingärtner wieder auf die Straße gehen.


Das Berliner Beispiel muss auch bei anderen Landesverbänden bekannt werden, denn ein bundesweiter Rückenwind hilft allen Einzelverbänden und den Vereinen. Und wir müssen das zu stereotype Image des Kleingartenwesens verbessern – schließlich kommen viele junge Familien und sogar Urban-Gardening-Leute neu in die Vereine. Von denen kann man lernen – die wollen aktiv „Stadt“ machen, das fehlt den Kleingärtnern zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Umgekehrt lernen diese viel von den Alteingesessenen. Das würde beiden Gruppen gut tun. Natürlich fordert das die Vorstände, vielleicht überfordert es sie auch. Deshalb müssen neue Mitglieder geworben werden und die ehrenamtliche Arbeit muss niederschwelliger werden, zum Beispiel durch zeitlich und thematisch begrenzte Aufgaben, für die man gezielt wirbt. Aber nach dem einen Jahr intensiver Zusammenarbeit glaube ich mittlerweile da ran, dass die Kleingärtner und ihre Verbände das schaffen können. Im Interesse unserer Stadt wäre es jedenfalls zu wünschen!



Das Gespräch führte Brigitte Einführ (Redakteurin Gartenfreund), 

Foto: B. Einführ, Abbildungen: Verlag W. Wächter


Dieser Artikel ist in der Verbandszeitschrift "Berliner Gartenfreund" des Landesverbands Berlin der Gartenfreunde e. V. erschienen, mit freundlicher Genehmigung des Verlags W. Wächter auch hier.